Schrumpfen und werden
Eine Studie zur »Demografischen Lage der Nation« stellt neue Zahlen auch für Märkisch-Oderland vor. Die Ergebnisse zeigen, welche Rolle Zuzüge im Landkreis spielen – und warum »Bildung« eine wichtige Überschrift in der Zukunftserzählung der Gemeinde Letschin ist.
Wie ist die »Demografische Lage der Nation«? Eine groß neue Studie hat sich alle 400 Kreise und kreisfreien Städte in der Bundesrepublik angesehen und sich an einer Bevölkerungsprognose bis 2045 versucht: Die Einwohnerzahlen schrumpfen insgesamt, aber die Entwicklung verläuft regional sehr unterschiedlich.
So profitiert Märkisch-Oderland wohl auch künftig vom Berliner Metropolensog – vor allem Familien ziehen ins direkte Umland, so dass der Bevölkerungsrückgang abgemildert wird. Durchschnittlich werden laut dem bei der Studie federführenden Berlin-Institut bis 2045 jährlich je 1.000 Einwohnern neun Menschen zuwandern. Da allerdings mehr Menschen sterben, als geboren werden, wirkt sich der natürliche Bevölkerungssaldo mit jährlich durchschnittlich minus 10 pro 1.000 Einwohnern aus: Unter dem Strich schrumpft die Bevölkerung in Märkisch-Oderland.
Wie sich mit solchen Prognosen der Landkreis im bundesweiten Vergleich schlägt, kann man im Bericht zur »Demografischen Lage« oder hier digital aufbereitet nachlesen. Doch die Entwicklung bis 2045 wird auch innerhalb von Märkisch-Oderland sehr unterschiedlich ausfallen – im von der Hauptstadt entfernten Oderbruch dämpft Zuwanderung den Bevölkerungsrückgang deutlich weniger. Wie andere Vorausschätzungen für Letschin ausfallen, war hier schon einmal ausführlicher Thema.
Nimmt man die Zensus-Zahl, die alle Bewohnerinnen und Bewohner mit alleinigem oder Hauptwohnsitz zählt (im Unterschied zur Gesamteinwohnerzahl, die alle Letschiner mit Haupt- und Nebenwohnsitz einbezieht), lässt sich die Wirkung der Zuzüge in die Gemeinde gut nachvollziehen.
Im Zeitraum von 2007 bis 2025 sind 4.091 Menschen nach Letschin gezogen, 4.162 Menschen zogen aus der Gemeinde fort. Nur auf die Wanderung bezogen ergibt sich also ein leicht positiver Saldo von plus 28 Einwohnern.
Hierbei lassen sich zwei Wanderungsphasen abgrenzen: Von 2007 bis 2012 gab es durchgehend mehr Fortzüge als Zuzüge, der Saldo war klar negativ: minus 291 binnen sechs Jahren. Betrachtet man den Wanderungssaldo der Phase danach (2013 bis 2025), ist dieser mit plus 319 binnen 13 Jahren deutlich positiv.
Der natürliche Bevölkerungssaldo, also die Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen, war in Letschin im Gesamtzeitraum aber klar negativ. Seit 2007 sind in der Gemeinde 1.392 Menschen gestorben und wurden 444 Kinder geboren. Per Saldo ist die Einwohnerzahl (nur Todesfälle und Geburten) um 948 gesunken. Insgesamt schrumpfte die Einwohnerzahl Letschins von 2007 bis 2025 also um 938 Personen.
Unter dem Strich zeigt sich: Der zahlenmäßige Rückgang verlief früher deutlicher und hat sich zuletzt abgemildert. Von 2007 bis 2012 betrug der nominelle Rückgang minus 565 Einwohner binnen 6 Jahren. In den 13 Jahren danach (bis 2025) ging die Einwohnerzahl hingegen lediglich um 373 Personen zurück. Demografisch ist Letschin also »stabiler« geworden, allerdings auf niedrigerem Niveau.
Mit welchen Herausforderungen das einhergeht, zeigt sich unter anderem auf dem Bildungs-Campus: »Statt Platzmangel und Wartelisten gibt es nun viele freie Kapazitäten«, hieß es in der MOZ nach einer Sitzung des Entwicklungsausschusses im Juni. Kitas und Hort werben inzwischen stärker auch über die Grenze der Gemeinde hinaus. Das »Boberhaus« werde weithin »als Alleinstellungsmerkmal in der Region geschätzt«, mit Bibliothek, Heimatstube und »Zukunftshaus« kann Letschin auf weitere, über die Gemeindegrenzen ausstrahlende Vorzüge verweisen.
Letschin bildet damit lokal ab, was für Brandenburg insgesamt auch in der oben angesprochenen Studie gezeigt wird: In Sachen »Zukunftsfähigkeit« hat sich vieles verbessert. Das Berlin-Institut berechnet dafür verschiedene Indikatoren, unter anderem zu Demografie, Wirtschaft, Bildung sowie Sozialem und der Familienfreundlichkeit. 2019 lag Brandenburg im bundesweiten Vergleich noch auf Rang 10, dieses Jahr erreichte das Land schon Platz 5.
Vor allem im Bereich Bildung kann auch Letschin punkten. In einer andere Studie – mehr dazu hier – gehört die Gemeinde bundesweit zu den fünf Prozent der Bestplatzierten. Wenn also, wie es sich Christoph Sagel unlängst mit Blick auf das wiederbelebte Hahnenfest wünschte, darüber gesprochen wird, wie es in Letschin weitergehen soll, dann könnte »Bildung« eine wichtige Überschrift in der Zukunftserzählung sein. Und das auch über den Campus hinaus.
Wissen über lokale Geschichte zum Beispiel. Über die tief greifenden Transformationen im ländlichen Raum, von dem das Oderbruch schon seit Jahrhunderten wieder und wieder neu geprägt wurde. Letschin spielt dabei seine Rolle im Netzwerk der mehr als 40 Kulturerbestätten im Oderbruch aus, das bereits ins zehnte Jahr seiner Gründung geht. Das Europäische Kulturerbesiegel eigne sich nicht für Produktwerbung, hieß es unlängst in einer Bilanz der vielfältigen Bildungsarbeit vor Ort. Es gehe vielmehr um eine Wirkungsgeschichte nach innen und außen, welche die »besondere Migrationsgeschichte und damit Integrationserfahrungen« der Region ebenso aufgreift wie das besondere Verhältnis von Menschen und Landschaft.