Schneller als berechnet

Die Einwohnerzahl Letschins schrumpft. Das ist der allgemeine demografische Trend, und der bringt Herausforderungen mit sich. Pöbeleien gegen Menschen, die neu in die Gemeinde ziehen, gefährden die Zukunft Letschins.

Schneller als berechnet

In den vergangenen Wochen hat ein Flugblatt für viel Empörung gesorgt, in dem gegen »Einwanderer« und Zugezogene gepöbelt wurde. Viele Stimmen in der Gemeinde haben sich dagegen gestellt, geworben wird für ein »Miteinander, das verbindet statt auszugrenzen«. 

Eine einladende Haltung werden die Dörfer Letschins schon aus rein zahlenmäßigen Gründen brauchen. Denn es ist eine Frage der Zukunft unserer Gemeinde, ob Menschen noch hierher kommen wollen. Die Einwohnerzahl schrumpft seit Jahren, sie geht im längeren Trend sogar schneller zurück, als es die Bevölkerungsvorausschätzungen modelliert haben. 

Man kennt das aus den Nachrichten: » 2070 werden in Deutschland zwischen 63,9 Millionen bis 86,5 Millionen Menschen leben«, heißt es dann zum Beispiel. So lautete ein Ergebnis der jüngsten bundesweiten Bevölkerungsvorausberechnung. Dabei handelt es sich um Wenn-Dann-Szenarien, keine Prognosen. Und die gibt es auch für einzelne Bundesländer und sogar für die jeweiligen Gemeinden.

Solche Schätzungen helfen zu verstehen, wie sich unsere Dorfbürgerschaft zahlenmäßig entwickeln kann. Und je nachdem, ob die Letschinerinnen und Letschiner mehr oder weniger werden, hat das wiederum eine ganze Menge Folgen, zum Beispiel ökonomische und infrastrukturelle.

Bei der Bevölkerungsvorausschhätzung von 2021 wurde noch angenommen, dass im Jahr 2025 in ganz Letschin 3.850 Menschen ihr Zuhause haben würden. Tatsächlich zählten wir Ende vorigen Jahres dann nur etwas über 3.700 Letschinerinnen und Letschiner – das sind 150 weniger als ursprünglich angenommen. 

In der nächsten Bevölkerungsvorausschätzung von 2023 wurde für 2040 mit einer Einwohnerzahl von gut 3.500 im Jahr 2040 gerechnet (mittlere Variante). Werden wir diese Zahl wirklich erreichen? Und werden wir sie erreichen, wenn niemand mehr hierher ziehen will, weil irgendwelche Leute sich anmaßen, von den neuen Nachbarn »Unterordnung« zu verlangen?

In der unteren, also der ungünstigsten Variante der jüngsten Vorausschätzung werden in Letschin im Jahr 2040 nur noch gut 3.300 Menschen leben. Das wären 400 weniger als heute, 400 weniger Kolleginnen, Einkäufer in der Kaufhalle. 400 Menschen weniger, die heute hier noch Steuern zahlen, arbeiten gehen, das Dorfleben bereichern, sich umeinander kümmern. 

Und apropos Kümmern: Selbst wenn man von der etwas positiveren mittleren Variante ausgeht, könnten 2040 fast 250 Letschinerinnen und Letschiner mehr als heute über 65 sein. Für sie braucht das Dorf dann wahrscheinlich zusätzliche Angebote – an altersgerechtem Wohnen, es erhöht sich der Pflegebedarf, es stellen sich Fragen zur ärztlichen Versorgung. Vor allem aber: Diesen zusätzlichen 250 Älteren wird man einen guten Lebensabend nur versprechen können, wenn es auch genug Jüngere gibt, die sich kümmern können. 

Aber die Zahl der 15- bis 64-Jährigen in Letschin könnte in der mittleren Variante bis 2040 um gut 21 Prozent abnehmen – um minus 477. Das heißt: Es könnte sein, dass schon in weniger als 15 Jahren unter den Letschinerinnen und Letschinern fast ein Viertel weniger im Ausbildungs- und Arbeitsalter ist. Fast 500 Menschen weniger, die Äcker bewirtschaften, Fenster einbauen, Lebensmittel produzieren, Energieanlagen herrichten, Tiere versorgen, Kinder betreuen und so weiter. Und die Zahl der unter 15-Jährigen könnte um fast 60 schrumpfen; das wären grob über den Daumen gepeilt eine ganze Schulklasse und ein ganzer Kindergarten.