Einen Namen geben

Das NS-Regime verschleppte Millionen Menschen zur Zwangsarbeit. Auch im Oderbruch wurden viele versklavt. Eine Datenbank ermöglicht nun, knapp 70 ab 1939 nach Letschin deportierten Polinnen und Polen einen Namen zu geben.

Einen Namen geben
Foto: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit 

Über 13 Millionen Menschen wurden im Verlauf des Zweiten Weltkriegs verschleppt, um für das NS-Regime, für die Deutschen, für deren Unternehmen Zwangsarbeit zu leisten. »Es gab kaum einen Bauernhof oder einen Betrieb«, in dem keine Zwangsarbeiter versklavt wurden. »Doch in der DDR und auch später noch war das Thema nahezu tabu«, hieß es unlängst in der MOZ, die diesem Aspekt der Geschichte viel Aufmerksamkeit schenkt. 

Längst ist aber einiges in erinnerungspolitische Bewegung geraten. Am Bahnhof Trebnitz erinnert seit der Enthüllung in diesem Sommer ein Gedenkzeichen an jene Opfer des NS-Regimes, die unter anderem aus Theresienstadt und dem Konzentrationslager Sachsenhausen oder den von Deutschland besetzten Gebieten aus über den Bahnhof zur Zwangsarbeit in die umliegenden Dörfer deportiert wurden. 

Im Museum der Festung Kostrzyn ist im Frühjahr die Sonderausstellung »Ich komme bald zurück, Mama…« eröffnet worden, die der Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag III C in Drzewice gewidmet ist. Viele der im Oderbruch eingesetzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter kamen von hier.

Auch an das in Wulkow nahe dem Oderbruch gelegene frühere KZ-Außenlager wird seit einigen Jahren verstärkt erinnert. Ein Arbeitskreis engagiert sich für die Aufarbeitung der Geschichte dieses Ortes – unter anderem mit einem Gedenkstein, einer  Informationstafel und einer Website. Klaus Scheurenberg, der seine ersten Lebensjahre in Letschin verbrachte, gehörte zu jenen, die von den Nazis in das KZ-Außenlager nahe Neuhardenberg verschleppt wurden. In seiner bewegenden Autobiografie »Ich will leben« schildert der Sohn einer jüdischen Letschiner Familie unter anderem, wie ein Arbeitskommando von Wulkow aus losgeschickt wurde, um in Letschin in einer Mühle Mehlsäcke zu laden.

Was also wissen wir über NS-Zwangsarbeit in Letschin?

Im Dorf selbst hat es mindestens fünf Orte gegeben, in denen Kriegsgefangene und so genannte Ostarbeiter untergebracht waren. Sie mussten in der Landwirtschaft, der Melioration oder beim Bau des »Neuen Deiches« an der Oder für die Nazis schuften. In der näheren Umgebung Letschins existierten mit dem in Küstrin-Drewitz und dem in Müncheberg zwei so genannte Stammlager, aus denen Kriegsgefangene »angefordert« werden konnten. Auch das Stalag III B in Fürstenberg (Oder) lag nicht weit entfernt.

»Den Familien, denen Gefangene zur Arbeit zugeteilt waren, war es streng verboten, diese zu Mahlzeiten an den häuslichen Tisch zu bitten. Der Letschiner NSDAP-Ortsgruppenleiter Albert Wurtz ging zur Mittagszeit durch die Häuser, um diese Schikane zu kontrollieren«, heißt es dazu in der Letschiner Chronik. »Familien, die durch die Naziideologie noch nicht aller Menschlichkeit beraubt waren«, hätten die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zumindest am gemeinsamen Essen teilnehmen lassen, und »um die Mittagszeit« ihre Höfe »einfach« zugesperrt. »Es gab jedoch auch Bauern, die ihre Zwangsarbeiter misshandelten.«

Seit 2014 erinnert im Oderbruch die von den Gemeinden Letschin und Bleyen-Genschmar, dem Deichverband Gedo und der Arbeitsinitiative Letschin initiierte Kleine Friedensfahrt an den Einsatz von Zwangsarbeitern im Oderbruch. Im diesem Rahmen wurden vor einigen Jahren in Sydowswiese Gedenk- und Informationstafeln über Zwangsarbeit im Oderbruch aufgestellt. Auf einer davon wird der Zeitzeuge Klaus Bauer mit den Worten zitiert: »Auf fast jedem Bauernhof arbeiteten Kriegsgefangene«, es seien »größtenteils Russen« gewesen, »könnten aber auch Polen darunter gewesen sein«. 

Wir können hier an dieser Stelle knapp 70 polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die nach Letschin verschleppt wurden, einen Namen geben.

Józefa Barnaś | Maria Bienia | Jakub Błażowski | Zofia Cieciura | Zofia Czubak | Aleksander Dudka | Franciszek Fręch | Gach Stefania | Ceslawa Gjanw | Elżbieta Gniadek | Stanislaw Górny | Krystyna Gromowa | Jan Ignac | Mieczysław Jabłoński | Barbara Jabłońska | Helena Jabłońska | Eligiusz Jabłoński | Józef Jabłoński | Zygmunt Janiak | Franciszka Jędrzej | Stanislaw Jóźwiak | Stanislawa Jurasz | Magdalena Juźwiak | Marija Knapik | Tadeusz Knapik | Marianna Kobiela | Józefa Kołodziej | Walery Komisarczyk | Krystyna Koszarek | Klara Kowalewska | Jan Królikowski | Henryka Krzemińska | Bronislaw Kubiak | Agnieszka Kudzia | Czeslaw Kurowski | Jadwiga Kuźniarek | Żorka Latawiec | Katarzyna Lewicka | Leon Lewicki | Stanislaw Lisowski | Henryk Maciejewski | Sabina Madej | Feliks Marek (Morek) | Irena Miller | Tadeusz Morzyk | Stanisław Mszyca | Marie Olijnek | Feliksa Olszewska | Franciszka Pachura | Maria Pala | Szymon Pala | Józef Paszek | Leontine Perschinski | Ludwik Podejma | Adela Podgorska | Tadeusz Przybysz | Josef Puszak | Walter Remus | Stanislawa Sarnocińska | Czeslaw Sowa | Stanisława Szumik | Boleslaw Szydlowski | Józef Szymaniak | Stefan Szymaniak | Barbara Włodarczak | Stefan Wolniewicz | Martyna Zaniewska | Marianna Zielińska

Zu verdanken ist dies einer Datenbank, die das Instytut Pamięci Narodowej (Institut für Nationales Gedenken) vor einigen Jahren zusammen mit dem polnischen Kulturministerium sowie dem »KARTA«-Zentrum ins Leben gerufen hat. Sie enthält Hinweise auf über 5,8 Millionen polnische NS-Opfer – darunter auch zahlreiche Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Die Datenbank ist nicht vollständig, was auch damit zu tun hat, weil die Arbeit daran »viele Jahre zu spät begann«, wie es auf der Website heißt. Viele überlebende Opfer waren in der Zwischenzeit verstorben. »Die Situation der polnischen Zwangsarbeiter, die ins Dritte Reich deportiert wurden, war sehr schwierig«, sie waren aufgrund von NS-Regelungen im Grunde recht- und schutzlos. Für geringste Vergehen drohte ihnen Auspeitschung oder Konzentrationslager. Wie viele Polinnen und Polen zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, ist bis heute umstritten – die Zahlen reichen von 1,7 bis 3,2 Millionen. 

Als besonders grausam wird das Schicksal polnischer Kinder beschrieben, die mit ihren Familien oder allein zur Zwangsarbeit deportiert wurden. Die untere Altersgrenze wurde ständig gesenkt, Ende 1943 mussten bereits Zehnjährige Zwangsarbeit verrichten –  10 bis 12 Stunden am Tag, oft belästigt und körperlicher Züchtigung ausgesetzt. Ihnen wurde nur die Hälfte der Lebensmittelrationen für Erwachsene zugestanden.

In der Datenbank lässt sich »nach Ort und Art der Unterdrückung« suchen, gibt man »Letschin« in die Suchmaske ein, erhält man 73 Ergebnisse.

Zum Beispiel Jozefa Barnas, 1925 geboren, die von 1940 bis 1945 in Ortwig »in der Landwirtschaft beschäftigt« war und die Verschleppung überlebte, sie starb 2004. Oder Maria Biena, die 1917 geboren wurde, und bereits seit Oktober 1939 zur Zwangsarbeit in Letschin deportiert war – bis April 1940; sie überlebte und starb im Jahr 2000.

Feliks Morek, geboren 1916, wurde kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen im Herbst 1939 in Gefangenschaft genommen, kam in ein Kriegsgefangenenlager, schließlich ins Stalag III B in Fürstenberg (Oder), von dort wurde er zur Zwangsarbeit »in der Landwirtschaft« nach Letschin deportiert; seine Spuren in den Akten verlieren sich bereits 1940. Stanisław Lisowski, geboren 1916, kam am Tag des Überfalls der Hitlertruppen aus Polen in Kriegsgefangenschaft, er kam ins Stalag III-B und wurde 1939 (oder 1940) zunächst zur Zwangsarbeit nach Letschin deportiert und musste später von 1942 bis 1943 Zwangsarbeit im Eisen- und Stahlwerk Velten leisten; er überlebte und starb 2002

Jakub Blazowski, geboren 1917, wurde im Januar 1942 zur Zwangsarbeit deportiert, laut überlieferten Unterlagen wurde er zunächst an das Arbeitsamt Berlin-Weissensee, dann an das Landesarbeitsamt Brandenburg »übergeben«, von dort wurde er zur Zwangsarbeit in Letschin-Ausbau verschleppt; über sein Schicksal gibt es keine weiteren Informationen. Über Leontine Perschinski, geboren 1912, ist lediglich ein Aufenthalt im Krankenhaus Wriezen 1943 bekannt, sie war zur Zwangsarbeit nach Letschin verschleppt deportiert worden

Stefan Wolniewicz wurde als 8-Jähriger im Jahr 1944 im Rahmen der Verschleppung von Zwangsarbeitern nach Letschin deportiert – er überlebte, mehr ist über sein Schicksal anhand der Datenbanken nicht bekannt. Eligiusz Jablonski wurde 1944 in Letschin »während elterlicher Unterdrückung geboren«, Mutter Helena (geboren 1912) und Vater Józef (geboren 1907) waren 1942 zur Zwangsarbeit nach Letschin verschleppt worden, die 1939 geborene Schwester Barbara und der 1936 geborene Bruder Mieczysław wurden mit deportiert. Mit Krystyna Gromowa, die 1943 zur Welt kam, ist mindestens noch ein weiteres, während elterlicher Unterdrückung in Letschin geborenes Kind von NS-Zwangsarbeitern in der Datenbank bekannt.

Mindestens drei polnische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter starben während der Zeit ihrer Verschleppung in Letschin. Agnieszka Kudzia, geboren 1922, wurde zur Zwangsarbeit im »staatlichen landwirtschaftlichen Eigentum« Wollup deportiert, wo sie laut Datenbank 1945 starb: »Während der Bombardierung in der Nacht vom Karfreitag - 30. März oder am Karsamstag - 31. März am Morgen, begraben im Keller eines Fabrikgebäudes (Brauerei)«.

Die beiden anderen finden sich nicht in der Datenbank. Regina Scheer, die über »den mehr oder weniger reflektierten Umgang mit Denkmälern, um das Spannungsfeld von Vergessen und Erinnern« geforscht hat, ist an anderer Stelle auf Hinweise für zwei Gräber polnischer Zwangsarbeiter in Letschin gestoßen. Einer der Toten habe Wladyslaw Horba geheißen, gestorben im Alter von 31 Jahren im Dezember 1940 in Letschin. »Von beiden Gräbern ist in Letschin nichts mehr bekannt. Man erinnert sich an die Anwesenheit von polnischen Zwangsarbeitern während des Krieges, nicht aber an diese Toten.«

Es handelt sich bei der Liste der Namen dabei nicht um alle Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die nach Letschin verschleppt wurden. Erstens, weil die Datenbank lückenhaft ist. Und zweitens darf man nicht vergessen, dass es bei den oben angeführten 73 Fundstellen nur um das Dorf Letschin geht, nicht um die später erweiterte Gemeinde. So finden sich darüber hinaus zum Beispiel für Sietzing neun weitere polnische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Datenbank. Zu beachten ist außerdem, dass die Schreibweise der Namen womöglich durch Übertragungsfehler oder Nichtübernahme polnischer Buchstaben fehlerhaft ist.