Besser als im Ranking

Gesundheit, Digitales, Bildung, Mobilität, Freizeit: In einer bundesweiten Studie zur Daseinsvorsorge schneidet Letschin »schlecht« ab. Doch das ist ein verzerrtes Bild. Einige Anmerkungen zum Gemeindecheck des IW Köln. 

Besser als im Ranking

»So gut ist die Daseinsvorsorge in den rund 11.000 Gemeinden«, heißt es beim Institut der deutschen Wirtschaft zum neuen Gemeindecheck, bei dem alle bundesweit 10.817 Städte und Dörfer anhand von 17 Indikatoren in fünf Bereichen unter die Lupe genommen wurden. Letschin landet in der Gesamtliste auf Platz 6.377, Nachbargemeinden wie Neulewin, Neutrebbin oder Zechin kamen im Ranking auf noch schlechtere Plätze. Ist die Daseinsvorsorge hier in der Mitte des Oderbruchs wirklich so schlecht?

Durch eine urbane Brille

Der Untersuchung liegt  »eine aktuelle, kleinräumige und umfassende Datenbasis zu den Versorgungslagen« auf der lokalen Ebene zugrunde, es geht um Bildung, Gesundheit, Mobilität, Digitalisierung und Freizeit. Eine entscheidende Größe für die Bewertung der Daseinsvorsorge war die Erreichbarkeit, etwa der nächsten Autobahnauffahrt oder von Museen.

Über Probleme wie Funklöcher oder fehlende Ärztinnen soll hier keineswegs hinweggegangen werden. Die enorme Datenbasis, die der Studie zugrunde lag, ist einmalig. Und dennoch hinterlässt der Gemeindecheck des IW Köln ein verzerrtes Bild. 

Das geht schon damit los, dass hier städtische Räume und ländliche Regionen mit ihren ganz unterschiedlichen Entfernungen verglichen werden. Und das hört damit noch nicht auf, dass bei der Auswahl der Indikatoren  offenbar durch eine urbane Brille geschaut wurde. Dass man von Letschin aus zum Theater am Rand in Zollbrücke ein bisschen unterwegs ist, stimmt ja. Aber schon innerhalb von Letschin sind die Wege dorthin sehr unterschiedlich lang, wer von Sophienthal zur Vorstellung will, muss deutlich früher losfahren als ein Besucher aus Ortwig. Und vor allem: Ist, weil das so oder so ein für ländliche Gebiete eher üblicher längerer Weg ist, deshalb auch die kulturelle Daseinsvorsorge in unserer Gemeinde schlecht? 

Das wird auch anderswo skeptisch gesehen. Ein Bürgermeister aus dem Saarland etwa nannte die Bewertungsmaßstäbe der Studie ungeeignet: Die verwendeten Kriterien seien stark auf urbane Verdichtungsräume ausgerichtet und würden Flächengemeinden systematisch benachteiligen. Nicht vergessen: Letschin ist 142 Quadratkilometer groß, größer als der Berliner Stadtbezirk Pankow, viel größer als Spandau und fast drei Mal so groß wie Lichtenberg. 

Fehlende Indikatoren

Es geht aber nicht nur um strukturelle Flächenunterschiede, sondern auch um inhaltliche Kategorien. Dass zum Beispiel für den Bereich »Freizeit« als Indikatoren lediglich »Schwimmbäder, Theater und Museen« genutzt wurden, beschränkt die Aussagekraft für die Vielfalt und Möglichkeiten der kulturellen Daseinsvorsorge erheblich. 

Warum wurde hier nicht auch die Erreichbarkeit von Natur oder der Kulturerbe-Orte einbezogen? Die von Dorffesten, Freiwilliger Feuerwehr oder von der in Letschin so naheliegenden Freizeitmöglichkeit, einmal in aller Ruhe gar nichts zu machen? Wurde eigentlich das Eisenbahnmuseum in Letschin überhaupt erfasst? Und die Heimatstuben, die in der Liste des Museumsverbandes Brandenburg verzeichnet sind? Der vom IW-Gemeindecheck ausgegebene Rang 8.920 in der Kategorie »Freizeit« entspricht jedenfalls kaum dem tatsächlichen Zustand der Daseinsvorsorge in Letschin.

Hinzu kommt noch etwas: Viele der bewerteten Faktoren sagen nichts oder nur wenig darüber aus, welches Zeugnis man der örtlichen Kommunalpolitik ausstellen kann. Auf den Zustand der ärztlichen Versorgung etwa hat die Gemeinde Letschin nur wenig Einfluss, hier hängt die Daseinsvorsorge von übergeordneten Entscheidungen ab. Oder von demografischen Entwicklungen, die sich im Dorf zwar besonders deutlich auswirken, aber vom Letschiner Bürgermeister oder der Verwaltung kaum zu beeinflussen sind. Hinzu kommt: Vieles, was im Gemeindecheck als Faktor bewertet wird, ist vom viel  beschworenen Markt abhängig – Daseinsvorsorge sollte aber keine Angelegenheit sein, über die Profitaussichten oder die Menge zahlungskräftiger Nachfrage entscheiden.

Bildungsmeister Letschin

Zwar liegt auch die Bildungshoheit nicht bei den Kommunen, sondern den Bundesländern. Als Träger, Mitgestalter und Organisatoren lokaler Bildungslandschaften kommt den Gemeinden aber eine wirksamere Rolle zu. Und siehe da: Was Schulen und Kitas angeht, kommt Letschin im Gemeindecheck auf Rang 537, gehört damit zu den fünf Prozent der bestplatzierten Gemeinden und steht sogar besser da als drei der fünf ingesamt Erstplatzierten. 

Erfasst für die Studie wurden lediglich die Theodor-Fontane-Schule (Oberschule mit Grundschulteil und Ganztag) und die beiden Kitas in Letschin und Sietzing. Die Gemeinde hat hier aber noch viel mehr zu bieten, den Bildungs- und Begegnungsort Boberhaus oder das Zukunftshaus Alte Schule mit seinen digitalen Angeboten. Zum Bereich Bildung ließen sich mindestens noch die Heimatstuben zählen, auch die Denkmale und Kriegsgräber in den Ortsteilen der Gemeinde verwirklichen einen Bildungsauftrag, ebenso die Spuren jüdischen Lebens in Letschin. Und was kann man alles lernen in der Landtechnikausstellung, im Kulturhafen, an der Bockwindmühle Wilhelmsaue und und und?

Verzerrte Eigenwahrnehmung

Was hier als Kritik am IW-Gemeindecheck formuliert wurde, soll weder die tatsächlichen Mängel in der Daseinsvorsorge des ländlichen, ostbrandenburger Raumes bemänteln, noch soll die dahinter stehende Forschungsarbeit gänzlich in Abrede gestellt werden. Den Gemeindecheck begleitet hat ein Gutachten, dass die politischen Implikationen ungleicher Daseinsvorsorge in Deutschland analysiert: »Geographien der Unzufriedenheit«

Dazu wurden die Ergebnisse des Gemeindechecks mit einer Umfrage von rund 5.400 Menschen ergänzt: Insgesamt bewerten 53 Prozent ihre Versorgung positiv, nur jeder Vierte ist unzufrieden. Es zeigten sich – wenig überraschend – erhebliche Stadt-Land-Unterschiede. Es zeigten sich dabei aber auch, und das weit stärker noch, große Unterschiede zwischen dem subjektiven Empfinden der Bürgerinnen und Bürger einerseits und der tatsächlichen Lage andererseits. Die Zufriedenheit hänge sehr stark von der politischen Grundhaltung ab, vor allem Wähler der AfD würden die Situation »durch einen Pessimismusfilter« wahrnehmen.

Studienautor Matthias Diermeier warnt deshalb: »Will man der politischen Entfremdung entgegenwirken, reicht Geld allein nicht. Entscheidend sind nicht nur die tatsächlichen öffentlichen Angebote, sondern vielmehr wie diese wahrgenommen werden.« Dies wird aber letztlich auch durch Rankings wie den IW-Gemeindecheck beeinflusst. Wo dieser aufgrund methodischer Beschränkungen ein verzerrtes Bild bestärkt, droht er, die »Pessimismusfilter« zu verstärken. 

Auf der anderen Seite kann die Studie so auch zeigen, was die Gemeinden selbst in der Hand haben: die Vielfalt der Angebote, die ländlichen Vorteile, die historischen Besonderheiten noch besser hervorzuheben. Was Letschin hat, gehört ins Schaufenster. Das kann einerseits dazu beitragen, lokales Selbstbewusstsein zu fördern, Engagement zu würdigen und Angebote noch bekannter zu machen. 

Andererseits ist es auch eine Frage der Zukunftssicherung. Der Bildungscampus Letschin macht vor, welche Schritte dabei helfen können. »Da die Geburtenzahlen absehbar nicht steigen, setzt die Gemeinde nun auf eine verstärkte Werbung«, berichtet Ulf Grieger in der MOZ aus dem Entwicklungsausschuss der Gemeinde. Als eine der fünf Prozent im IW-Check bestplatzierten Gemeinden gibt es dazu auch beste Berechtigung.