Von der DNVP zur NSDAP

Für die lokale Geschichtsschreibung bringen auch überlieferte Akten von SA und SS neue Möglichkeiten. Und: Wie hat Letschin 1920 bis 1933 gewählt? Die Daten zeugen von einer Wanderung von rechts nach ganz rechts – und von mutigen Dorfbewohnern.

Von der DNVP zur NSDAP
Ausriss aus einer Sammlung zu den SS-Mannschaften

Welche neuen Möglichkeiten die von mehreren Verlagen angebotenen Datenbanken zur NSDAP-Mitgliederkartei für die Lokalgeschichtsschreibung bieten, hatten wir an dieser Stelle schon einmal angerissen. Inzwischen sind die Suchmasken von SZ, »Zeit« und »Spiegel« weiterentwickelt, die ihnen zugrundeliegenden Modelle der Aufbereitung verbessert worden. Entsprechend haben sich die Ergebnisse per Ortssuche »Letschin« nominell leicht verändert: beim »Spiegel« werden nun 638 Treffer ausgegeben, bei der SZ sind es 618.

Weiterhin »bringt die KI noch manches durcheinander. Für den wissenschaftlichen Gebrauch muss nachgeschärft werden«, wie es in einer Einschätzung des Politikwissenschaftlers Jürgen W. Falter heißt, der lange zur Mitgliedschaft der Nazipartei geforscht hat. Dies betrifft die Zuordnung von handschriftlichen Berufsvermerken oder zusätzliche Informationen über die NSDAP-Mitgliedschaft hinaus. »Spiegel« und »Zeit« ermöglichen auch die Suche in überlieferten Aktenbeständen von SA und SS bzw. stellen Informationen als Kontext zu den NSDAP-Ergebnissen hinzu. 

Gibt man in die Maske bei der »Zeit« als Ortsangabe »Letschin« ein, werden 30 Treffer ausgegeben – hierbei kann es sich um den Geburtsort, den dienstlichen oder den generellen Wohnsitz handeln. Zu einigen der insgesamt 29 Namen gibt es lediglich einen Eintrag im Bestandsregister des Bundesarchivs oder auf einer Liste von SS-Männern, die für das Berlin Document Center erstellt wurde. Zu einem anderen, der SS-Scherge war und als Zivilangestellter in Auschwitz eingesetzt war, wo die Deutschen Ausrüstungswerke Häftlinge zu Rüstungsarbeit versklavten, ergibt eine eingehendere Lektüre, dass dieser in Letschin seine Tischlerausbildung absolviert hatte. 

Dem Experten Falter zufolge kontextualisiert die SZ in ihrer NSDAP-Datenbank »die aufgefundenen Einzelfälle historisch am genauesten«. So werden etwa die jeweiligen – sofern vorhanden – Angaben zum Beruf, zu Eintrittsjahr, zum Alter des NSDAP-Mitglieds, zur Mitgliedsnummer oder zur regionalen Organisation mit weiterführenden Informationen ergänzt. Zu einem als »Bauer« in der Nazi-Kartei verzeichneten Letschiner wird dann zum Beispiel das Ergebnis der letzten freien Reichstagswahlen der Weimarer Republik am 6. November 1932 angezeigt – allerdings für das »Verwaltungsgebiet« Lebus, »in dem der Wohnort (…) lag und für den historische Wahldaten vorliegen«. 

Lassen sich keine Wahlergebnisse für Letschin auf Gemeindeebene finden? Doch, und auch diese kommen von Professor Falter. Der hat mit einem Kollegen »Wahl- und Sozialdaten der Kreise und Gemeinden des Deutschen Reiches von 1920 bis 1933« aufbereitet. Allerdings gibt es solche nicht für die beiden Reichstagswahlen vom Juli und November 1932 – für diese hatte das Statistische Reichsamt nur kreisweite Ergebnisse amtlich publiziert.

Daten aus Falter et al.

In der Tabelle sind nur ausgewählte Parteien aufgeführt, an ihnen lässt sich der Weg in den politischen Abgrund aber gut erkennen. Lange Zeit beherrschte die weit rechts stehende Deutschnationale Volkspartei in Letschin die elektorale Szenerie, programmatisch von Nationalismus, Antisemitismus, dem kaiserlich-monarchistischen Konservatismus sowie den völkischen Elementen geprägt. Schon ursprünglich klar republikfeindlich gesinnt, radikalisierte sich die DNVP unter Alfred Hugenberg ab 1928 abermals und weiter nach rechts und suchte die Nähe zur NSDAP, die sich 1925 wiedergegründet hatte. 

Es waren nicht zuletzt Hugenbergs viel gelesene Zeitungen, die Hitler »hochschrieben«. Mit dem Aufstieg der Nazi-Partei verlor dann auch die DNVP immer weiter an Boden. Nach diversen Abspaltungen kam sie bei den Wahlen von 1930 reichsweit nur noch auf 7 Prozent und hatte 60 Prozent ihrer Wähler von Dezember 1924 verloren. Wie die Zahlen für Letschin zeigen, war der Einbruch der ohnehin ländlich stark verankerten DNVP 1930 hier nicht ganz so stark ausgeprägt und für die beiden Wahlen von 1932 fehlen die Angaben. Aber weder reichsweit (knapp 5,9 und 8,3 Prozent) noch im Letschin umfassenden großen Wahlkreis Frankfurt Oder konnte sie der NSDAP, die dort 42,6 bzw. 48,1 Prozent erhielt, noch das Wasser reichen. 

Reichsweit stieg die NSDAP im Juli 1932 mit einem Plus von 19 Prozentpunkten über 37 Prozent, verlor im November dann leicht auf gut 33 Prozent. Die Wählerschaft der Nazipartei war nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, sondern recht wesentlich von der DNVP hinüber gewechselt. Dass für die »Wahlen« von 1933 bei der DNVP keine Angabe verzeichnet ist, rührt daher, dass diese zusammen mit dem rechtsradikalen »Stahlhelm« als »Kampffront Schwarz-Weiß-Rot« im Bündnis angetreten war, das reichsweit auf 8 Prozent kam – auch Dank der finanziellen Unterstützung von Industriellen, die ebenso Hitlers NSDAP gefördert hatten. 

Die Ergebnisse der SPD in Letschin lagen bei den Wahlen von 1920 bis 1928 stets leicht über dem reichsweiten Ergebnis, was auf eine gute Verankerung in einer ländlichen Gemeinde schließen lässt, in der die sozialdemokratische Wählerschaft auch absolut stetig zunahm. Das endete bei den vorgezogenen Wahlen von 1930, bei denen auch reichsweit die demokratischen Parteien deutlich einbüßten und die NSDAP stark hinzugewann. Wie überregional konnte die KPD sich 1930 gegenüber den Wahlen von 1928 noch behaupten. Im Wahlkreis in Frankfurt Oder erreichten die Kommunisten im November 1932 sogar ihr bis dahin bestes Ergebnis. 

Unter dem Eindruck des längst begonnenen Naziterrors entschieden sich im März 1933 immerhin noch über 400 mutige Letschinerinnen und Letschiner für eine Stimme bei den linken Parteien. Fast die Hälfte der Wahlberechtigten hatte sich den Nazis an den Hals geworfen.