Die NSDAP-Kartei und Letschin

Seit einigen Monaten sind die Mitgliedskarteien der NSDAP leichter zugänglich. Dadurch ergeben sich auch für die Lokalgeschichtsschreibung neue Ansatzpunkte. Eine erste Recherche mit rund 600 Treffern.

Die NSDAP-Kartei und Letschin

Im späten Frühjahr haben »Zeit« (hier) und »Spiegel« (hier) die überlieferten Mitgliedskarteien der NSDAP für Abonnentinnen und Abonnenten aufbereitet. Die Quellen sind seit vielen Jahren zugänglich, aber nicht so einfach im Internet. Seit das US-Nationalarchiv die Daten im Netz publiziert hat und Zeitungen diese per KI durchsuchbar gemacht haben, ist das Interesse jedenfalls zahlenmäßig enorm. »War Opa Nazi?«, diese Frage scheint auch mehr als 80 Jahre nach Ende des Verbrecherregimes viele zu bewegen. 

Ob nun mit späten Enthüllungen zu rechnen ist oder der »demokratisierte« Zugang zu den Mitgliedskarteien für neue gesellschaftliche oder familiäre Diskussionen sorgen kann, ist umstritten. Der »Spiegel« bewirbt sein Angebot zwar mit der Aussage, »ein Land muss seine Vergangenheit neu prüfen«. Andere Stimmen sprechen von »Gedächtnistheater«, woanders wird darauf verwiesen, dass viele NS-Täter gar nicht Mitglied der Nazi-Partei waren, oder es wird die Frage nach den unterschiedlichen Geschichtskulturen in Ost und West aufgeworfen

Jedenfalls haben die Datenbanken wichtige Debatten über die Erinnerungskultur neu angestoßen, die Verlässlichkeit der Datenaufbereitung wurde kritisch abgewogen, die Aussagekraft der Karteien diskutiert. Expertinnen und Experten sind zum Thema zu Wort gekommen, Prominente haben über ihre Familienrecherchen berichtet

Auch für die Lokalgeschichtsschreibung ergeben sich mit den durchsuchbaren Datenbanken neue Ansatzpunkte. Gibt man beim »Spiegel« unter Wohnort Letschin ein, werden 621 Treffer angezeigt, »richtig« sind davon etwa 600. Das heißt nicht, dass es genau diese Anzahl an NSDAP-Mitgliedern in der Gemeinde gab. Teile der Mitgliederkartei sind vernichtet worden, lediglich 80 bis 90 Prozent der Mitglieder lassen sich rekonstruieren. Außerdem gibt es offenbar nicht selten Probleme mit der Texterkennung, handschriftlich in den Karteien verzeichnete Namen wurden so nicht richtig erkannt, in anderen Fällen bekommt man irreführende Treffer angezeigt.

Aber einen gewissen Eindruck von der örtlichen Stärke der NSDAP, über verschiedene Eintrittswellen oder die soziale Zusammensetzung der Nazipartei in Letschin ermöglicht die Datenbank auf jeden Fall. Auch lassen sich bereits aus der Literatur bekannte Namen lokaler NSDAP-Mitglieder nachrecherchieren. 

Zu denen, die in der Datenbank Letschin zugeordnet werden,  lässt sich dort Folgendes in Erfahrung bringen. Ein Landwirt/Kaufmann und ein Bäcker waren schon 1929 in die NSDAP eingetreten, ein Student Anfang 1930, ein weiterer Bäcker und ein weiterer Landwirt im März 1930. Band V der Ortschronik berichtet: »Bereits am 16. März 1930 hatte der Versicherungsagent Heinemann mit vier Gesinnungsgenossen die Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP vorbereitet. Am 1. April gründeten dann 15 Letschiner offiziell die Ortsgruppe. Der erste Ortsgruppenführer war der Baumeister Appelmann.« 

Zu Appelmann findet sich allerdings kein Eintrag in der Datenbank. Zu Heinemann finden sich dort zwei Einträge, beide mit Vornamen Heinrich. Der eine trat aber erst am 1. Mai 1933 ein, der andere Heinrich, hier als Handelsvertreter verzeichnet, wurde mit Eintrittsdatum 1. April 1930 erfasst. Dieser Heinemann trat aber ausweislich der Mitgliederkartei am 30. September 1931 wieder aus der NSDAP aus.

Unter denen, die zur Gründung der Ortsgruppe am 1. April 1930 Mitglied der NSDAP wurden, gehörten ein Handelsvertreter, ein Müller, zwei Landwirte und ein Bauinspektor. Im selben Jahr traten außerdem weitere Landwirte, Ärzte, ein Gespannführer, ein Schlosser, ein Schneider, ein Wirtschaftsgehilfe, ein Student, zwei Gehilfen, ein Büchersachverständiger, ein Wachstumspfleger, zwei Fleischer und ein Schlosser in die Nazi-Partei ein. Auffällig ist, das laut der Datenbank sieben Landarbeiter zeitgleich am 1. Juni 1930 in die NSDAP eintraten. 

Der »Letschiner Chronik« zufolge folgte auf Appelmann als Ortsgruppenführer »der Bücherrevisor Reiff (oder Leiff) und ihm folgte der Drogist Kornagel. Der letzte Ortsgruppenleiter war Albert Wurtz.« Der Büchersachverständige Karl Reiff war am 1. September 1930 in die NSDAP eingetreten, Kurt Kornagel am 1. Juli 1931. Die Datenbank entziffert zu ihm als Beruf »Pol.Betr.Ass.« – der handschriftliche Eintrag in der Kartei deutet aber eher auf »Drogeriebesitzer« hin. Arno Wurtz (offenbar Angstellter, die Datenbank verzeichnet zu ihm »Ang.«) wurde erst am 25. Januar 1943 Mitglied der NSDAP.

»Auch in Letschin war die Mehrheit der Bevölkerung für die Nationalsozialisten. Man erhoffte sich Arbeit und Brot, Sicherheit und Ordnung in Deutschland. Die Anzahl der Arbeitslosen im Dorf war hoch«, heißt es in Band V der Ortschronik. Vor 1933 waren laut Datenbank 152 Letschiner Mitglied der NSDAP – die allermeisten Männer. 1933 traten weitere 156 Letschiner in die Nazi-Partei ein. Davon allein 120 am 1. Mai 1933.

»In den drei Monaten nach der sogenannten Machtergreifung, die zunächst einmal eher eine Machtübertragung durch den alternden, persönlich und politisch isolierten Reichspräsidenten an Hitler und seine Verbündeten darstellte«, so Jürgen W. Falter, einer der renommierten Experten für die NSDAP-Mitgliedschaft, wurde die »Partei von Aufnahmeanträgen und den Masseneintritten neuer Mitglieder geradezu überschwemmt«. Oft im NSDAP-Jargon zynisch als »Märzgefallene« oder »Märzveilchen« bezeichnet, hatten sie unterschiedliche Motive. Der US-amerikanische Historiker William Sheridan Allen zählt dazu neben rechtsradikaler Überzeugung auch Konformismus oder die Aussicht auf persönliche Vorteile etwa in Sachen Beförderung, die NSDAP selbst sprach von »Konjunkturrittern« – kurzum: Opportunisten und Karrieristen. »Und dann gab es diejenigen, die schon lange den Wunsch hatten, Parteigenosse zu werden, sich aber beispielsweise als Beamte nicht trauten und es erst jetzt wagten, ihren Wunsch zu realisieren«, so Falter. 

So oder so reagierte die NSDAP auf den Massenansturm im Frühjahr 1933 mit einem Aufnahmestopp, der zum 1. Mai des Jahres in Kraft trat. Bis auf Ausnahmen wurden bis 1937 keine neuen Mitglieder aufgenommen. Laut der Datenbank traten bis zum Ende des NSDAP noch 295 Letschiner ein, eine große Zahl von Karteien verzeichnet den 1. Mai 1937 als Eintrittsdatum. Das war als Aufnahmedatum für die nun neue Kategorie der »Parteianwärter« einheitlich und unabhängig vom Antragsdatum festgelegt worden. Erst 1939 wurde die Mitgliedersperre vollständig aufgehoben.

Wer die Datenbankergebnisse zu Letschin durchsieht, wird eine durchwachsene soziale Zusammensetzung der lokalen NSDAP  finden. Arbeiter und Beamte, Großgrundbesitzer wie Gehilfen strömten in die Nazi-Partei. Letschin hatte 1939 etwas über 3.000 Einwohner – etwa ein Fünftel war in der NSDAP. Die Größe der Nazi-Anhängerschaft dürfte noch weit darüber gelegen haben. 

In einer Beilage der »Zeitung für das Oderbruch« hieß es 1935 über das Dorf: »Reges Leben herrscht in den NS-Formationen, wie der Ortsgruppe der NSDAP, den NS-Frauenschaften, dem NS-Lehrerbund, der SA, SS und Hitlerjugend«. Die Ortschronik schreibt: »1936 meldete der Rektor der Letschiner Adolf-Hitler-Schule stolz, das 96 Prozent aller Schüler der Hitlerjugend sind.«

Die nun leichter zugängliche Datenbank ermöglicht auch Ergänzungen zu anderen Recherchen. Uwe Bräuning zum Beispiel hat bereits zum »Fall Tolsdorf« publiziert. Darin geht es um einen Versicherungsinspektor, der als NSDAP-Mitglied auch den jüdischen Kaufmann Halpert aus Letschin als Kunden führte. Als dieser nach den Pogromen von 1938, bei denen auch in Letschin jüdische Wohn- und Geschäftshäuser angegriffen wurden, seinen Schaden bei Tolsdorf meldete, fuhr dieser hin und soll die antisemitische Attacke dort als »Schweinerei« gegenüber dem ihm bekannten SA-Mann Hirsbrunner bezeichnet haben. Der meldete dies dem NSDAP-Ortsgruppenleiter von Letschin, welcher beim in Müncheberg ansässigen Kreisgericht der NSDAP Lebus den Parteiausschluss von Tolsdorf forderte. Dieser bestritt, von »Schweinerei« gesprochen zu haben und wurde ein Jahr später mit einem Verweis belegt, aber in der NSDAP belassen.

»Hirsbrunner« hieß, wie die Datenbank zeigt, Walter Hirschbrunner. Auch Emil Tolsdorfs Kartei findet sich. Er gehörte zu jenen Letschinern, die am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten sind.