Der gute Stammtisch

Wie überall ist auch in unserer Region die Zahl der Kneipen stark zurückgegangen. Beklagt wird das schon länger, aber wird auch genug dagegen getan? Als wichtiger Ort demokratischer Infrastruktur braucht »der Stammtisch« mehr Förderung.

Der gute Stammtisch
Heinrich Zille: In der Kneipe

Dorfkrug, Hälkrug, Braukrug, Gastwirtschaft Dietze, Zum Weißen Schwan, Bernickes Bierstube, Zum Pilsener, Sonniges Eck, Bahnhofsgaststätte, Zum Alten Fritz… in der Geschichte des Dorfes Letschins hat es viele Kneipen und Schwankwirtschaften gegeben. Heute sind es in der deutlich größer gewordenen Gemeinde nicht mehr annähernd so viele. Und es drohen immer noch weniger zu werden. 

Gerade ist über die unklare Zukunft der »Oderschänke« in Gieshof-Zelliner Loose berichtet worden. Neben dem »So oder So« in Wilhelmsaue heute die einzige auf der Letschiner Website verzeichnete Kneipe. Natürlich bekommt man auch bei Treptow in Letschin oder »Zum Hafen« in Kienitz etwas zu trinken. Aber der Trend ist deutlich. Der seit 2013 geschlossene »Alte Fritz« ruht wie eine steinerne Mahnung dafür am Kreisel, und in den Nachbargemeinden sieht es nicht anders aus, man erinnert sich zum Beispiel an den legendären »Feuchten Willi« in Neulietzegöricke. 

Heike Zappe hat in ihrem Bildband »Letzte Runde« den Dorfkneipen im Oderbruch ein Denkmal gesetzt. Im Untertitel ihres im Kerber Verlag erschienenen Bandes ist vom »Verschwinden« die Rede. Das geht auch anderen Gastronomien so. Letzten Herbst machte Philipps Eisdiele in Letschin zu. Neueröffnungen wie am Hafen in Groß Neuendorf haben es sehr schwer. Auch die noch offenen Gaststätten kämpfen mit Herausforderungen. Aber steht die weitere Entwicklung denn unumstößlich fest? 

Allein zwischen 2010 und 2023 sind in ganz Brandenburg 142 Kneipen und Schankwirtschaften geschlossen worden. Im Kreis Märkisch-Oderland hat sich ihre Zahl von 34 auf 17 halbiert. Zu den maßgeblichen Gründen verweist die Landesregierung auf die Folgen der Pandemie, Inflation und Energiepreise, Personalmangel und fehlende Nachfolger sowie die »Konsumzurückhaltung der Gäste«. Letztere wird es geben, gleichzeitig stimmt aber auch: Wo keine Kneipe (mehr) ist, kann man auch keine Konsumzurückhaltung aufgeben. 

In dem etwas umständlichen Begriff liegt womöglich auch eine perspektivische Engführung: Natürlich, eine Gaststätte muss sich rechnen. Aber Kneipen und Schankwirtschaften gerade auf dem Dorf sind eben mehr als nur Wirtschaftseinheiten, ihre Gäste mehr als nur zahlende Kundinnen und Kunden, ihre Existenz mehr als bloß eine weitere Zahl in der gastronomischen Statistik.

Dorfkneipen sind jene Orte, »wo die Nachbarschaft aus dem Dorf und den anliegenden Ortschaften zusammen und ins Gespräch kommt; mitunter in mehreren Generationen, ob Mann, Frau, Alteingesessener oder Zugezogene«, wie das anlässlich einer Ausstellung von Zappes Fotografien einmal formuliert wurde. Es sind, mehr noch, Institutionen, die ein aktives Dorfleben braucht, die für Meinungsbildung unersetzlich sind, die wie andere Formen von Öffentlichkeit zur demokratischen Infrastruktur gehören

Das gilt gerade in heutigen Zeiten. Zappe spricht von »neutralen Orten« - es können alle hingehen, »wo man Menschen trifft, mit denen man vielleicht sonst kein Wort wechseln würde«. Die Künstlerin sieht das Kneipensterben als »sinnbildlich für den Rückzug der Gesellschaft«. Auch die Landesregierung sagt, »Dorfgasthäuser haben in ländlichen Räumen eine zentrale Bedeutung als soziale und kulturelle« Orte »zivilgesellschaftlicher oder gesellschaftspolitischer Diskussionen« und »nicht selten aktive Orte der Bürgerbeteiligung«.

Also könnte man fragen: Macht die Gesellschaft etwas, um in die Dörfer zurückzukehren? Wird, weil der politische und soziale Wert von Schankwirtschaften im ländlichen Raum über ihren eigenen ökonomischen Wert deutlich hinausgeht, genug getan, um Wiedereröffnungen zu fördern und die noch laufenden Betriebe zu unterstützen? Einen Antrag der Brandenburger CDU, ein Programm »Dorfgaststätten Brandenburg 2025« mit mindestens 7,5 Millionen Euro Volumen aufzulegen, lehnte der Landtag im vergangenen November mehrheitlich ab. Die Landesregierung verweist auf Fördermaßnahmen wie »Gründen in Brandenburg«, LEADER oder die Gemeinschaftsaufgabe »Verbesserung der Regionalen Wirtschaftsstruktur«. Aber, das zeigen die oben aufgeführten Zahlen, das allein reicht offenbar nicht aus.

Vor ein paar Wochen hat der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder ein 10.000-Kneipen-Programm für die Bundesrepublik vorgeschlagen. Eine solche »Initiative zur Rettung oder Neugründung« wäre »ein Demokratieprogramm, eine niedrigschwellige Antwort auf den Verlust öffentlicher Räume«. Schroeder verweist auf bundesweite Zahlen, danach sind zwischen 2016 und 2024 von gut 30.700 Kneipen fast 9.000 geschlossen worden. Sie erleben im Vergleich zum restlichen Gastgewerbe eine noch schlechtere Entwicklung. 

Schroeder weiß um Ursachen, gegen die auch ein Kneipen-Programm erst einmal nicht viel anrichten könnte. »Digitalisierung fördert den Individualismus und den Rückzug ins Private. Das Freizeitverhalten hat sich verändert«, hinzu kommen ökonomische Gründe (»Konsumzurückhaltung«, gestiegene Kosten). Und ja, das Verschwinden ländlicher Schankwirtschaften ist auch nicht erst seit 20 Jahren zu beobachten, die Entwicklung läuft schon viel viel länger. 

»Aber aus Sicht der Demokratie hat sich das Problem der sterbenden Dorfkneipe noch einmal zugespitzt«, so der Politikwissenschaftler. Man brauche »niedrigschwellige Begegnungsorte«, »Demokratie lebt davon, dass sich Menschen begegnen und über den Alltag, die Wirtschaft oder die Politik austauschen«. Hier werde Demokratie allabendlich als soziale Praxis immer wieder »erlernt und regelmäßig bestätigt«, man kann »die Anerkennung von Differenzen, die Toleranz des Dissenses und die Fähigkeit zu Kompromissen« erlernen. Und es entsteht Neues für die Dörfer und Gemeinden selbst. Schroeder nennt Studien, die gezeigt haben, wie Kneipen zum »Ausgangspunkt für gemeinschaftliche Aktivitäten bis hin zu Freiwilligeninitiativen sind«.

Oder anders gesprochen: Der viel zitierte »Stammtisch« sollte wieder einen guten Ruf bekommen. Aber dafür braucht es erst einmal Kneipen. Schroeder empfiehlt, die von ihm angeregte Förderung auf Kneipen in zivilgesellschaftlicher oder genossenschaftlicher Selbstverwaltung zu konzentrieren. Womöglich seien solche Projekte auch anschlussfähig für »Zuwendungen und Förderlinien der Kommunen, Länder, des Bundes und der EU«. Die Linkspartei in Thüringen zum Beispiel hat ganz in Schroeders Sinne Landeszuschüsse für den Dorfkneipen-Betrieb angeregt.

Und in Brandenburg? Zumindest bis zum Zeitpunkt der Beantwortung der Anfrage im vorigen Sommer hatte die Landesregierung »keine Kenntnis über Pilotprojekte oder Modellkommunen, in denen Gaststätten gemeinsam mit Kommunen, Vereinen oder Dorfgemeinschaften betrieben werden«. Aber das müsste ja nicht so bleiben.