Nicht tatenlos zusehen
Energiewende, ärztliche Versorgung, demokratische Gemeinden: Brandenburgs »Netzwerk lebendige Dörfer« fordert mehr Unterstützung von der Politik. Beim dritten »Parlament der Dörfer« wurde die Deklaration vom Seddiner See verabschiedet.
Etwa die Hälfte der gut zweieinhalb Millionen Brandeburgerinnen und Brandenburger lebt im ländlichen Raum abseits des Speckgürtels von Berlin. Und ein großer Teil von ihnen wohnt in einem der etwa 2.800 Dörfer des Landes. Für deren Belange engagiert sich seit 2015 setzt die »Dorfbewegung Brandenburg – Netzwerk Lebendige Dörfer e.V.«. Das ländliche Leben habe sich stark verändert und brauche »frischen Wind«, den die Dorfbewegung über Gespräche, Bildungsarbeit und Vernetzung entfachen will. »Ein in Deutschland einzigartiges Dialogformat«, bei dem »Belange der Dorfbevölkerung mit der Politik und der Fachöffentlichkeit auf Augenhöhe diskutiert werden können«. Ein Ziel allen Bemühens: Dörfer mit Zukunft. Auch in Ostbrandenburg, wo sich 2020 das regionale Dörfernetzwerk gegründet hatte.
Am vergangenen Wochenende tagte das Parlament der Dörfer zum dritten Mal – am Seddiner See. Der Titel eines der Podien in der Heimvolkshochschule beantwortete sich dort gewissermaßen von selbst: »Wer interessiert sich eigentlich noch für die Dörfer?« Nun, mindestens jene, die sich in Vereinen, Netzwerken, der Lokalpolitik, in Betrieben und Nachbarschaften, in Fachgremien und Laiengruppen für und in ihren dörflichen Gemeinschaften einsetzen. Dabei mehr gehört zu werden, ist ein zweites Ziel der Dorfbewegung. Man appelliere daher an die Landesregierung, heißt es in der Deklaration vom Seddiner See, »gehen Sie stärker in die Dörfer, hören Sie selbstkritisch zu und nehmen Sie die Menschen ernst. Fördern Sie den Pragmatismus und den Zusammenhalt, die das Leben auf dem Land tragen. Demokratie lebt nicht allein in Institutionen – sie lebt dort, wo Menschen sich begegnen, einmischen und gemeinsam Zukunft gestalten.«
Mehr öffentliche Aufmerksamkeit sollte die Dorfbewegung auch erhalten. Dass sich in den Zeitungen nur wenige Berichte über das Treffen finden (etwa hier und hier), ist dabei nicht nur eine Frage medialer Reichweite politischen Engagements. Es ist auch eine der Wirkung in die Gemeinden zurück: Mehr darüber zu erfahren, wie vielfältig das Engagement für ländliche Räume und womöglich für das eigene Dorf ist, wirkt als Impuls, sich selbst gemeinschaftlich einzusetzen.
Am Seddiner See ging es unter anderem um lebendige Demokratie auf dem Land, um die Rolle (und Sorgen) der Dörfer in der Energiewende, um den Mangel an Begegnungsorten und Gesundes Altern abseits der Städte. Zu letzterem war Evelyn Miethke die Themenpatin, sie ist auch Vorsitzende des Gemeindeseniorenbeirates von Letschin im Oderbruch.
Das Parlament der Dörfer stellte eine übergreifende Sorge ins Zentrum: das wachsende Gefühl von Ohnmacht und gesellschaftlicher Spaltung, die Verhärtung des gesellschaftlichen Gesprächs, wachsende Zustimmung für menschenfeindliche Positionen. Dem wolle man »nicht tatenlos zusehen«. Als wichtigen Hebel für besseres Miteinander sieht die Dorfbewegung die lokale Mitbestimmung: »Entscheidungen entstehen über die Köpfe der Bürger:innen hinweg, während gleichzeitig das Gefühl wächst, politisch kaum wahrgenommen zu werden.« Hier setzten die Seddiner Forderung an: Demokratie braucht »Dörfer, in denen Menschen selbstverständlich miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsam lachen, diskutieren und Verantwortung füreinander und für ihr Dorf übernehmen«. Dies wiederum setzt frühzeitige Einbindung, offene Treffpunkte und Möglichkeiten der Mitgestaltung voraus. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten lokale Öffentlichkeiten, die über dörfliche Veränderungen, Zukunftsideen und Debatten berichten (woran es oft fehlt). »Best Practice sollte bekannter gemacht werden«, mahnt die Dorfbewegung – im Sinne von mehr Dorfbewegung.
Unter anderem hat man eine Stelle im Landkreis für bürgerschaftliches Engagement ins Spiel gebracht, welche das vielfältige Engagement unterstützen könnte. Von der Landesregierung erwartet man, dass die im Koalitionsvertrag gemachten zusagen unter anderem zur Unterstützung sozialer Orte im ländlichen Raum »nun sichtbar und konkret im Alltag der Dörfer ankommen« müssten. Das wird ohne niedrigschwellige Fördermöglichkeiten und mehr Unterstützung für bestehende Initiativen nicht gehen. Auch der Erhalt der Mitbestimmungsrechte der Ortsbeiräte in der Kommunalverfassung taucht in der Deklaration vom Seddiner See auf, die sich außerdem gegen die zunehmende »Delegitimation von Zivilgesellschaft« seitens der Politik wendet: So müssten insbesondere die Einschränkungen des Programms »Demokratie Leben« »gestoppt werden, der niederschwellige Zugang zu Förderungsmöglichkeiten von zivilgesellschaftlichem Engagement muss gesichert werden«.