Demokratische Infrastruktur
Demokratie vor Ort braucht Lokaljournalismus. Doch die Zeitungen kriseln. Immer öfter versuchen Engagierte »von unten«, die Lücken zu schließen. So erfährt man dann auch davon, wenn ein AfD-»Bürgerdialog« zum Bürgerwiderspruch wird.
Anfang des Monats wurde beim »Tag des Lokaljournalismus« wieder einmal die wichtige Rolle örtlicher Medien betont: Die würden Vertrauen schaffen, Orientierung geben und Zusammenhalt stärken. »Lokaljournalismus ist demokratische Grundversorgung im Alltag«, hieß es bei den Initiatoren, ein Netzwerk aus Zeitungsverlagen, Plattformen und Verbänden.
Das wird auch immer wieder durch Studien bestätigt, auch für Brandenburg. Lokaljournalismus bleibe »zentraler Kompass im Informationsalltag«, allerdings unter sich weiterhin schnell verändernden Bedingungen. Das Internet hat medienökonomisch viel, wenn nicht alles verändert. Kommunen, Vereine, Nachbarschaftsgruppen und Einzelne bieten selbst lokale Infos an. Und wir selbst »wechseln je nach Anlass und Thema flexibler zwischen verschiedenen Quellen«.
Wie aber unter anderem diese Studie gezeigt hat, ist Lokaljournalismus »kein nostalgisches Auslaufmodell«, sondern »demokratische Infrastruktur«. Und also unverzichtbar. Gemacht wird diese immer öfter auch »von unten«: von engagierten Leuten, welche die aufgerissenen Lücken in der lokalen Berichterstattung selbst mit ihren Projekten schließen wollen.
Zum Beispiel bei der »Kleinen Müncheberger Zeitung«, die unweit des Oderbruchs erscheint. Man wolle »ein klein wenig dazu beitragen, klarer und umfassender über lokale Ereignisse zu berichten und herausfinden: Was sind eigentlich Nachrichten? Was sind lokale Themen? Was sind Geschichten von vor Ort, gut recherchiert und möglichst sachlich aufgeschrieben?« Das Blatt erscheint seit 2024, gerade ist die zehnte Ausgabe herausgekommen.
Etwas jünger ist »Der Blick auf Märkisch-Oderland«. Auch hier will man selbstorganisiert auf eine Zeitungskrise reagieren, die in fallenden Auflagenzahlen nur einen Ausdruck findet – die Folgen reichen tiefer. Wo Einnahmen ausbleiben, werden weniger journalistische Köpfe bezahlt, die vor allem in der Lokalberichterstattung fehlen, die nicht durch Agentur-Texte ersetzt werden kann.
Dann fehlt mehr als nur ein Bericht oder ein Kommentar, heißt es bei den Macherinnen des Mol-Blicks: »Denn letztendlich findet nur statt, existiert nur, was in der Zeitung steht.« Ob Gemeinderatssitzung oder lokale Wirtschaft, ob Kulturangebote im Dorf oder Diskussionen unter den Bewohnerinnen – Informationen darüber sind letztlich auch der Rohstoff für demokratisches Interesse, für Engagement, für lebendige Dorfbürgerschaften.«
»Eine neue Zeitung entsteht«, heißt es beim »Mol-Blick«, wo man online startet, sich aber auch eine Zukunft auf Papier vorstellen kann. Das Vorhaben sei »eine Entdeckungsreise, auch für uns«. Auch Letschin war schon in »Der Blick« Thema. Ein Bericht über den AfD-Bürgerdialog vom April schildert den breiten Unmut, den die Partei dort mit ihrer Mischung aus Schlechtreden der Gemeinde, unbelegten Behauptungen und mangelnder Fähigkeit ausgelöst hat, konkrete Fragen zu beantworten: »häufig lange Monologe ohne faktenbasierte Antworten«.
Kein Einzelfall, wie nun die »Märkische Oderzeitung« berichtet. Denn auch beim neuerlichen Bürgerdialog in dieser Woche hatten die AfD-Vertreter »Mühe, auf die kritischen Nachfragen aus dem Publikum zu reagieren«. Hatte sich im April noch viel um ein unterirdisches AfD-Flugblatt gedreht, in dem Kandidaten für eine Ortsbeiratswahl angegriffen und allgemein »Zugezogene« zur »Unterordnung« verdonnert werden sollten, standen »dieses Mal die sozial- und energiepolitischen Ziele der AfD in der Kritik der Einwohnerschaft«. Viele Bürger hätten die Partei »mit derem eigenen Parteiprogramm« konfrontiert, berichtet Ulf Grieger von der MOZ.
Denn auch das muss gesagt werden: Ohne die Lokalberichterstattung der etablierten Zeitungen wären die weißen Flecken auf der Karte der »demokratischen Infrastruktur« noch viel größer.