Etwas teilen wollen

Letschin geht es wie vielen anderen Gemeinden: es schrumpft. Dagegen hilft Zuzug, aber der ist nicht schon alles. Über die Schwierigkeiten heutiger Dorfgemeinschaft in Zeiten eines veränderten Landlebens.

Etwas teilen wollen

Die demografische Entwicklung der Gemeinde war hier gerade erst Thema. Was gegen Schrumpfen hilft, sieht zahlenmäßig recht einfach aus: wieder mehr werden. Letschin und seine Ortsteile haben viel zu bieten, die Landschaft, die Leute, die Vereine. Und doch ist der Erhalt eines »Miteinander« gar nicht so einfach, wenn es nicht »natürlich nachwächst«, sondern zwischen denen, die schon da sind, und anderen, die neu dazukommen, erst wieder neu entstehen muss.

Das hat natürlich eine sehr individuelle Seite: Manches hängt eben davon ab, wie zugänglich man selbst ist, wie leicht es einem fällt, auf Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen. Und dann die Bequemlichkeit, immer ist etwas anderes zu tun… Wie oft schon mit dem Nachbarsohn über die Deichläufer gesprochen, und immer noch nicht dazu durchgerungen. Kurzum: Auf die Frage »wie integriert man sich eigentlich« findet man keine allgemeingültigen Antworten, man kann es nur im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten versuchen, ausprobieren.

Aber es gibt auch eine gesellschaftliche Seite: Ich will hier Kenneth Anders zu Wort kommen lassen, er hat das vor einiger Zeit zum Jahresthema »Menschen« des Oderbruchmuseums beschrieben: Es »regenerieren sich die tradierten Formen der Gemeinschaft nicht mehr von allein. Dass Gemeinschaft einst wie von allein entstand, einfach, weil man sich traf, zusammenarbeitete oder sich beim Einkaufen unterhielt, das berichten viele. Die Gegenwart ist eher geizig mit solchen Gelegenheiten, denn die Leute arbeiten irgendwo und haben dann einen privaten Feierabend.« 

Kenneth Anders hat dabei kein beschönigendes Bild früherer Dorfgemeinschaft im Kopf, die ja auch von sozialen und ökonomischen Abhängigkeiten und Enge geprägt war. Was bei den seinerzeitigen Recherchen für das Jahresthema hervorgebracht wurde, bleibt aber gültig: »der stetig nachlassende öffentliche Charakter des geteilten Raums«, übergeordnete gesellschaftliche Veränderungen, »in der die Karten von Freiheit, Privatheit, Gemeinschaft und Glück neu gezeichnet und gemischt« wurden. 

Kurzum: Es ist, zumal auf dem Land, nicht unbedingt einfacher geworden, gemeinschaftlich zu sein. Anders spricht von einem »Verlust der Ressourcenbeziehung zwischen Mensch und Landschaft«, und die findet ja nicht bloß in reinen Wohnsiedlungsgebieten statt. »Man zieht sich auf das private Grundstück zurück, der Rest wird Umwelt.« Es gibt zu diesem »Rückzug« aber auch ein Gegenstück: Wohin könnte man gehen, wenn die Dorfkneipe fehlt? Wann soll man gehen, wenn lange Pendelwege und Arbeitsrhythmus die freie Zeit rauben? Mit wem könnte man sich treffen, worüber reden, wo doch ständig über »Polarisierung« gesprochen wird und über »Triggerpunkte«, die man dann doch lieber meiden möchte? 

Hinzu kommt, was Anders »Logik der Versorgungsgesellschaft« nennt, »in der auch die öffentlichen Leistungen nach den Kriterien des Marktes geordnet werden«, was nicht zuletzt heißt: »Wo wenig Menschen leben, steht die Versorgung selbst infrage.« 

Das hat Folgen in zwei Richtungen, eine individuelle und eine gemeinschaftliche. Wer viel Zeit aufbringen muss, um sich in der ausgedünnten Versorgungsgesellschaft zu behaupten, etwa weit entfernte Arzttermine zu ergattern, hat weniger Zeit »gemeinschaftsbildend« zu wirken. Und umgekehrt bringt die angesprochene Logik eine Preisgabe gesellschaftsbildender Strukturen mit sich – oder besser: gemeinschaftsbildender Möglichkeiten. Eine Dorfkneipe muss sich heute vor allem rechnen, ist Geschäft – und doch hören wir oft, dass es doch schön wäre, gebe es eine. Da zeigt sich der anhaltende Wunsch nach so einem Ort der gemeinschaftsbildenden Möglichkeiten.

Einfach erfüllen lässt er sich wohl nicht. Anders spricht von einem »strukturellen Bruch in der Organisation des Landlebens«. Eine »Wiederherstellung des dörflichen ›Organismus‹ ist aufgrund der ökonomischen Veränderungen und aufgrund der massiv gewachsenen Mobilität so gut wie ausgeschlossen. Dass sich eine ganze örtliche Welt aus Erwerbsarbeit, Lebensmittelversorgung, Gaststätte, Kirche, Freiwilliger Feuerwehr, Schule und Gemeinschaftskultur wieder so formiert, wie es einmal war, ist zumindest für kleinere Dörfer in der gegenwärtigen Gesellschaft kaum denkbar. Wer alle diese Dinge schätzt, muss über den Rand des Dorfes hinausgehen.«

Hinter dem Rand des Dorfes an sich liegen bei uns am nächsten: die große, aus vielen Ortsteilen bestehende Gemeinde Letschin und die Region Oderbruch. In beiden gibt es großartiges Engagement im Sinne von Gemeinschaft, viele Vereine, all das, was im Rahmen des Kulturerbes oder vom Oderbruch Museum Altranft auf die Beine gestellt wurde und noch viel mehr. Zugleich stimmt natürlich auch, was Anders an anderer Stelle schreibt: »Zu Fuß sieht man mehr, man redet eher miteinander«, wir im Oderbruch aber müssen in der Regel fahren, in abgeschlossenen Kisten… Das hat wiederum etwas mit einer Siedlungsstruktur zu tun, die für viele zu dem gehört, was hier »Heimat« in besonderer Weise ausmacht: die Verbindung einer bestimmten Landschaft mit einem bestimmten Erfahrungsraum. 

Apropos Erfahrungsraum. Klingt sperrig, ist aber etwas sehr Konkretes, etwas, das sich sogar in die Körper einschreibt – wir müssen hier nie bergauf laufen, aber fast immer haben wir beim Gehen Gegenwind. Worauf ich eigentlich hinauswill: Ist Zuzug zu unserer Gemeinde schon alles? 

Das ist auch kein neues Thema, immer wieder wird nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung versucht, Menschen in die ländlichen Räume zu locken. 

Die rein zahlenmäßige Wahrheit ist: Wir brauchen Zuzug. Als das vor ein paar Jahren mal wieder diskutiert wurde, es ging unter anderem um die Vereinfachung von Wohnungsbauprojekten, wurde auch angemahnt, dass Zuzug mehr bedeuten müsse als dass Leute hier einen günstigen Wohnort finden. Es war auch seinerzeit Kenneth Anders, der auf »ein tägliches Miteinander, gemeinsame Erfahrung und die Bereitschaft, sich auf das, was schon da ist, einzulassen« pochte. »Es sollten schon Menschen sein, die mit jenen, die schon da sind, auch etwas teilen wollen« und auch »jene, die in unseren Dörfern Verantwortung für das Zusammenleben tragen, brauchen Unterstützung«. 

Man kann vielleicht hinzufügen: und umgekehrt. Denn geteilt werden soll ja nicht nur in eine Richtung und Unterstützung brauchen auch »die Neuen«.