Erbe? Tradition? Baustelle

In Letschin wird der Obelisk für gefallene Sowjetsoldaten saniert. Dabei sind Teile vom Sockel des Denkmals für Friedrich II. wiedergefunden worden. Da kommen alte Geschichten wieder hoch. Aber auch wirklich alle?

Erbe? Tradition? Baustelle

Bei Arbeiten zur Sanierung des sowjetischen Mahnmals in Letschin sind verschollen geglaubte Teile vom Sockel des Denkmals für Friedrich den Großen wiedergefunden worden. Darunter der oberste Baustein, jener Quader, auf dem »der Alte Fritz« bis 1948 gestanden hatte. Hoffnungen darauf, auch den bei der Aufstellung des Denkmals am 9. Juni 1905 versenkten Grundstein mit der Urkunden-Flasche zu finden, erfüllten sich hingegen nicht. 

Ulf Grieger hat in der MOZ ausführlich über den »Krimi« berichtet, zumindest eine Spur der Grundstein-Urkunde, die 1966 nach Berlin führt, konnte aufgenommen werden. Eine Dresdener Firma soll den 1950 errichteten Obelisken des Ehrenmals nun sanieren. Er gehört zum Ehrenhain, wo »331 gefallenen Sowjetsoldaten« gedacht wird. Die Sanierung des Obelisken ist von der russischen Botschaft beauftragt worden, welcher die Verantwortung für alle sowjetischen Mahnmale obliegt. 

»Man war davon ausgegangen, dass der Obelisk wieder auf die Sockelsteine des Alter-Fritz-Denkmals kommt«, schreibt Ulf Grieger. »Doch nun hat die Gemeinde Letschin, die 1905 auch ein Stück der Kosten für das Denkmal gegeben hatte, plötzlich alle Sockelteile wieder zusammen.« Es stelle sich daher die Frage, ob der Sockel des inzwischen vor dem ehemaligen Gasthaus »Alter Fritz« stehende Friedrich-Denkmal »wieder komplett zusammengebaut werden kann. Dafür müsste auch die Frage beantwortet werden, wem die alten Granitquader gehören.« Das ursprüngliche Denkmal von 1905 hatte Quellen zufolge 10.171 Mark gekostet, »mit 2.000 Mark war die Gemeinde dabei, mit 1.000 Mark der Kreis Lebus«, heißt es in der MOZ. Wem gehören nun die alten Granitquader? Diese Frage, so Ulf Grieger, habe »sicher eine rechtliche und eine moralische Seite«. 

Warum verehren?

Vielleicht tun sich aber noch andere Fragen auf. Über »die wundersame Rettung des Alten Fritz«, die – so Erwin Nippert in seiner Oderbruch-Geschichte von 1995 – »auf besondere Weise verrät, wie pfiffige Bürger zu realsozialistischen Zeiten in der DDR mit der Staatsgewalt umgingen«, ist vielfach geschrieben worden. Nachdem der Preußen-Monarch 1945 vom Sockel geholt worden war, um das Standbild einzuschmelzen, war es von Letschinern versteckt worden. »Hinter Gurkenfässern, später hinter Bergen von Altpapier und Stroh, überstand es die Jahre bis 1986«, berichtet die »Letschiner Chronik«. Dann erlebte das »Stehaufmännchen von Letschin« (Wolfgang Bartsch) noch eine wahre Räuberpistole zur 650-Jahr-Feier der Gemeinde, bis der Rat des Kreises in Seelow im August 1987 schließlich einer Sanierung zustimmte. Im Juni 1990 wurde das Denkmal an neuem Standort wieder eingeweiht.

»Warum verehren die Letschiner den Alten Fritz so sehr?«, fragte  Erwin Nippert in seiner Oderbruch-Geschichte – und ließ die damalige Bürgermeisterin Jutta Wiesinger ebenso wie den Regional-Historiker Manfred Gill antworten: wegen der von Friedrich II. vorangetriebenen Trockenlegung des Oderbruchs. Der frühere Bürgermeister Günter Fetting verwies zwar auf »die militärische Seite, die er auch verkörpert«. Aber man wolle »in erster Linie den Philosophen und Staatsmann ehren«. Der bei der Einweihung anwesende damalige Brandenburger Ministerpräsident Manfred Stolpe »erinnerte an den Toleranzgedanken«, der mit Friedrich II. verbunden sei.

Die Rettung des Alten Fritz von Letschin spielte sich in einem Umfeld veränderter Geschichtspolitik ab. Seit Mitte der 1970er Jahre versuchte die SED in der DDR eine eigene, »sozialistische Nationalkultur« zu formulieren, welche »die sorgsame Pflege und Aneignung aller humanistischen und progressiven Kulturleistungen« einschließen sollte. Unterschieden wurde fortan zwischen Erbe, »also alles in der Geschichte existierende, die gesamte Geschichte in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit«, und Tradition. Zu dieser sollte »nur diejenigen historischen Entwicklungslinien, Erscheinungen und Tatsachen« gehören, auf denen die DDR nach Ansicht der SED beruhe. Auf diese Weise, so hat das später Hermann Brinks zusammengefasst, »wurde die reaktionäre Linie der deutschen Geschichte (…) geöffnet und wieder in eine progressive und reaktionäre Phase gespalten«. 

Synonym für Reaktion

Das kam nicht zuletzt im Preußenjahr 1981 zum Ausdruck. Schon drei Jahre zuvor hatte Ingrid Mittenzwei über »die zwei Gesichter Preußens« geurteilt: »Unser Blick auf Preußen war lange Zeit durch die Polemik, die die revolutionäre Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert mit dem reaktionären Preußentum führen musste, verstellt.« Man müsse sich aber auch anderen Perspektiven stellen. »In den Köpfen der einen steckt noch immer die Mär vom ›alten Fritz‹, dem ›großen‹ König, eine Mischung aus Lesebuchweisheit und UFA-Klischee á la Otto Gebühr. Für die anderen ist Preußen ein Reizwort, ein Synonym für Reaktion, Militarismus und Aggression.«

Ganz in diesem Sinne hatte Konrad Gründler im »Heimatkalender für die Gemeinde Letschin 1977 bis 1978« noch über das Friedrich-Denkmal geschrieben. »Noch immer geistert das Gespenst eines Königs durch das Oderland und die Hirne mancher dort Eingesessenen, wie es die Legende einst erschuf.« Preußen aber, als historische Tatsache wie auch als Ideologie, habe den Weg in den Nazismus eröffnet. »Der Schatten dieses kleinen Mannes begleitet die Hitler-Armee bei ihrem feigen Überfall auf die friedliche Sowjetunion. Mit den Klängen dieser Musik wurden die Todesschreie der Opfer der Hitlerbanditen in Auschwitz, Lidice und Buchenwald übertönt«, so Gründler. »Wir können diesen Friedrich nicht mehr ertragen. Es ist alles zu sehr vermengt mit den unmenschlichen Bluttaten vertierter Militaristen!« 

Die von oben verordnete Preußen-Renaissance in der DDR ab den 1980er Jahren verabschiedete sich von diesem Geschichtsbild. Erich Honecker sprach wieder von »Friedrich dem Großen«, das Standbild Friedrich II. von Christian Daniel Rauch kam wieder an seinen früheren Platz Unter den Linden in Berlin. 1983 startete der Sechsteiler »Sachsens Glanz und Preußens Gloria« im DDR-Fernsehen, es wurden Komödien aufgeführt und neue Biografien auch zum Preußenkönig veröffentlicht. 

Das ermöglichte historiographisch richtige und notwendige Differenzierungen, etwa hinsichtlich der Reformpolitiken und Fortschrittspotenzen. Es gestattete der SED auch eine positive Bezugnahme auf den nichtkommunistischen Widerstand gegen Hitler, namentlich der Gruppe um Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Es gab freilich noch andere politische Intentionen seitens der SED. »Preußische Traditionen sollten die Militarisierung der Gesellschaft abstützen, preußische Sekundärtugenden, wie Sparsamkeit und Arbeitsethos, die Leistungsmoral heben«, schreibt Gerd Dietrich in Band 3 seiner »Kulturgeschichte der DDR«. Aber bei aller Kritik führte diese Neubewertung von Erbe und Tradition eben auch »zu einer wahrheitsnäheren Geschichtsbetrachtung«.

Doch die wollte, so sahen es jedenfalls einige Letschiner, nicht im Oderbruch ankommen. »Wir verstanden das nicht«, zitiert Nippert den um den Alten Fritz besonders engagierten Wolfgang Bartsch. Mit Blick auf den zunächst gescheiterten Versuch, das Denkmal 1986 wieder aufzustellen, erinnerte sich dieser: »Es war für uns ein Rätsel, nachdem man ihn in Berlin wieder aufgestellt hatte, im Fernsehen Filme über Preußens Glanz und Gloria liefen und es in Potsdam die große Preußenausstellung gab. Bei uns in der Provinz tat sich einfach nichts. Ein heißes Eisen, das man hier noch nicht anfassen wollte.«

Mythos und Realität

Inzwischen hat sich das Problem aber womöglich umgekehrt. Es hat den Anschein, als ob die reaktionären Aspekte des Preußentums zu einem heißen Eisen geworden sind, das nicht gern angefasst wird. Die Kolonisierungs- und Meliorationspolitik Friedrich II. auch und gerade im Oderbruch ist selbst (wieder) zu einem Mythos geworden, wie unter anderem von Frank Göse (»Das Oderbruch zwischen Mythos und Realität«) oder Rita Gudermann (»Zur Bedeutung der friederizianischen Landeskulturmaßnahmen – Mythos und Realität«) diskutiert. Obwohl sich heute dank besserer Quellenlage und neuer Perspektiven auf die Geschichte »die Brüchigkeit der bisherigen glatten Darstellungen« gerade zur Trockenlegung besser verstehen lässt, wird ihr in den meisten Darstellungen kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Stattdessen ist das Bild auf einen um seine Schäfchen besorgten König zusammengeschrumpft, dessen Meliorationspolitik »Feldzüge des Friedens« waren, die allen zugute kamen, als ob es soziale Unterschiede gar nicht gegeben hat. 

»Zu einer wahrheitsnäheren Geschichtsbetrachtung« sollte also auch gehören, nicht nur die Dankbarkeit der Oderbrücher für eine landschaftskulturelle Transformation enormen Ausmaßes zu zitieren oder auf den findigen Widerstand von Letschinern gegen das Schleifen eines Denkmals zu erinnern. Man sollte schon auch die historischen und politischen Umstände der Errichtung des Friedrich-Standbildes 1905 kritisch würdigen. Und ja, dabei wird man auch kritisch mit früheren Sichtweisen auf die Ereignisse umgehen, besser jedenfalls, als sie völlig auszublenden.

In seiner in der DDR erschienenen Letschiner Chronik von 1986 schreibt Manfred Gill: »Unter dem Einfluss der Massenhysterie in Folge des deutsch-französischen Krieges und der Reichseinigung von 1871 entstand auch in Letschin ein Militärverein, der besonders bei der Kaiserparade 1880, bei der Einweihung des Kyffhäuserdenkmals 1896 und bei der Errichtung und Weihe des Denkmals Friedrichs II. in Letschin in Erscheinung trat. Dieser Verein endete getreu seinen militaristisch-chauvinistischen Zielen. Im Februar 1934 wurden seine Mitglieder in die faschistische SA übernommen. (…) Die Letschiner Großbauern waren nicht nur eine starke ökonomische Macht sondern auch eine maßgebliche politische Kraft. Sie bestimmten die Tagespolitik nicht nur im Ort, auch im Kreis mit, und ihre Stellung war Ende des 19. Jahrhunderts so stark, dass sie als Interessenvertreter der Letschiner Oberschicht in hohe politische Funktionen gewählt wurden. Ein typisches Beispiel war der Letschiner Großbauer Gustav Adolf Moritz Haake. Er lebte von 1838-1905 in Letschin und war Besitzer eines großen Bauerngutes. 1893, 1898 und 1903 kandidierte er als Mitglied der Deutschen Reichspartei für den Reichstag im Wahlkreis Frankfurt (Oder)-Lebus.«

Nicht zuletzt von Haake ging die Initiative zur Errichtung des Friedrich-Denkmals aus. Er hatte bei einer Feier zum 200-jährigen Bestehen des Königreichs Preußens 1901 gesprochen und die entsprechende Anregung gegeben. In derselben Rede hatte Haake die Arbeitslosenversicherung für »unmoralisch« erklärt und sich gegen den Ausbau des gesetzlichen Arbeitsschutzes ausgesprochen, wie aus Erinnerungen von Lily Braun hervorgeht, Frau des sozialdemokratischen Gegenkandidaten von Gustav Haake zur Reichstagswahl 1903, Heinrich Braun. Die Militärvereine, von denen Gill schreibt und die überall im Preußen der damaligen Zeit eine wichtige Rolle spielten, dienten nicht zuletzt der Kultivierung des Militarismus, der Bekämpfung der aufkommenden Sozialdemokratie. 

»In der königlichen Hauptwerkstatt für Eisenbahnbau in Frankfurt a.d. Oder«, meldete der »Vorwärts« am 22. Juni 1898, »sind sämmtliche Arbeiter, die beim Militär gestanden haben, ins Bureau der Betriebsverwaltung gerufen worden, wo man jedem einzelnen einen Aufruf folgenden Inhalts zur Unterschrift vorlegte: ›Der deutsche Kriegerbund fordert die gedienten Soldaten (…) auf, am Wahltage dem konservativen Kandidaten Haake-Letschin ihre Stimme zu geben.‹« Die sozialdemokratische Zeitung sah in dieser Beeinflussung einen Grund für Wahlprotest. Gustav Haake erhielt bei der Wahl insgesamt 14.126 Stimmen gegen den sozialdemokratischen Herausforderer Metzner, der bei der Reichstagswahl im Wahlkreis 11.567 Stimmen bekam.