Breite gegen Tiefe
Nach dem katastrophalen Fischsterben von 2002 kann sich die Oder wieder erholen – doch dafür müsste der Mensch handeln: weniger Salzeinträge, mehr natürliche Lebensräume. Das zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts. Ein polnischer Fischforscher warnt: Der Fluss ist sehr labil.
»Die Oder hat sich teilweise erholt, aber die Folgen der Katastrophe sind noch nicht überwunden«, das ist das Ergebnis eines umfangreichen Forschungsprojektes unter Federführung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Nach zahlreichen Feld- und Laboruntersuchungen unter anderem zur Wasserchemie, zur Algenentwicklung und zu den Fischbeständen, zeigen die Handlungsempfehlungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in eine klare Richtung: »Die Oder kann sich erholen. Aber für eine positive Entwicklung braucht sie weniger Salzbelastung, weniger Nährstoffeinträge und mehr Raum für natürliche, vielfältige Lebensräume«, sagt die IGB-Direktorin Sonja Jähnig.
Knapp vier Jahre nach dem massenhaften Fischsterben, bei dem die Fischdichte in einigen Bereichen um 80 Prozent im Vergleich zu 2017 zurückgegangen ist, zeigt sich ein sehr unterschiedliches Bild der Spätfolgen. Einige Bestände haben sich gut erholt, vor allem in der Unteren Oder. Bei anderen Arten sind die Folgen weiterhin gravierend – etwa bei Großmuscheln, die für die Reinigung des Flusses eine wichtige Rolle spielen. »Manche Arten sind durch die Katastrophe dauerhaft flussabwärts gewandert, denn die untere Oder war weniger als der mittlere Abschnitt von der Katastrophe betroffen«, sagt der polnische Fischforscher Piotr Parasiewicz. Bei seinen Unterschungen der mittleren Oder in Niederschlesien und Lubuskie bis zur Neißemündung hat man weniger Arten als vor der Katastrophe zählen können.
Jähnig verweist auf die wichtige Bedeutung von Rückzugsorten auch für die relativ schnelle Erholung der Fischbestände: Uferbereiche, Nebengewässer und weniger belastete Habitate. Dorthin konnten Fische ausweichen, von dort geht nach einer ökologischen Krise die Wiederbesiedlung los. Das heißt auch: Will man die Oder bei der Erholung unterstützen und auf längere Sich resistenter gegen Krisen machen, die aufgrund der Klimakrise häufiger werden, wäre ein Rückbau von Uferbefestigungen, der Wiederanschluss von Nebengewässern, die ganzjährige Öffnung von Poldern und eine Rückverlegung von Deichen nötig. Dazu wäre auch eine ökologische Umgestaltung von Buhnen gerade am Hauptlauf der Oder wichtig. Doch das kollidiert mit anderen Interessen, etwa jener der Schifffahrt.
»Wir müssen mit dem Fluss in die Breite, ihm mehr Platz geben – die Schifffahrt will in die Tiefe«, sagt Parasiewicz im Gespräch mit der MOZ. Der Oder-Experte Christian Wolter formuliert es so: »Ökologisch schädlich« seien »weitere wasserbauliche Maßnahmen wie der Neubau oder die Ertüchtigung von Standardbuhnen, die die strukturelle Vielfalt und damit die ökologische Resilienz des Flussökosystems weiter verringern.« Da der Fluss als Wasserstraße keine güterverkehrliche Bedeutung mehr hat, bestünden auch »einzigartige Möglichkeiten zur ökologischen Verbesserung«. Dies müssten aber auch gewollt sein.
Und der Druck wächst. Denn die Oder-Katastrophe von 2022 war nur ein Beispiel für »die wachsenden Probleme an vielen Flüssen in Europa« in Zeiten der Erderhitzung: »Weil diese heute oft weniger Wasser führen, sollten dringend Schadstoffeinträge reduziert und Fließgewässer so revitalisiert werden, dass ihre Auen weiterhin regelmäßig mit Wasser versorgt werden.« Ausgewählte Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus der Sonderuntersuchung zur Umweltkatastrophe in der Oder vom August 2022 finden sich hier.